photokina - Geschichte, Wirtschaft, Kultur, Kunst

vg

Der offizielle Name der Foto-Messe schreibt sich tatsächlich klein.

Ökonomische Analyse der Wirtschaftslage sowie wissenschaftliche Fakten zur weltgrößten internationalen Leitmesse der Foto- und Imaging-Branche in Köln

Kürzlich erhielt ich eine - vermutlich von einem (bezahlten) Troll - verfasste Aufforderung, ihm und Ihnen gefälligst umfassend von der photokina zu berichten.

Eigentlich gehe ich nicht mehr auf Beleidigungen und Erpressungen ein. Aber als positiv denkender Mensch wandte ich dies um, und erkannte, dass die letzte photokina (2018) wirklich erwähnenswert war. Als ich dann bei meinen Recherchen zusätzlich feststellen musste, dass in der Tat wenig zu der photokina - der weltgrößten internationalen Leitmesse der Foto- und Imaging-Branche - zu finden ist (vermutlich, weil es wieder einmal ein zu komplexes Thema darstellt), war die photokina dann doch ein Fall für diesen Internet-Auftritt und für mich.

Als neugieriger und hartnäckiger Wissenschaftler gelang es mir erneut, einige interessante Dinge nicht nur über die photokina, sondern über die gesamte Fotobranche herauszufinden, die auch Einfluss auf jeden Fotografen hat.

Noch wichtiger ist jedoch der elementare Zusammenhang zwischen Messe und Wirtschaft - also zwischen Fotowirtschaft und photokina. Beide beeinflussen einander, wobei der Einfluss der Fotowirtschaft auf die Fotomesse größer ist, als vice versa. Messen gelten auch als Spiegelbild der wirtschaftlichen Lage. D.h. Wirtschaftskrisen und Rezessionen spüren die Messe-Veranstalter deutlich. Messen gelten aber auch als ein nachlaufender Konjunkturindikator, da viele Stände Monate im Voraus gebucht werden. D.h. die Messen werden erst zeitverzögert von einer Krise betroffen. - Wichtig ist dieser ökonomische Zusammenhang auch deshalb, weil inzwischen (bezahlte) Trolle dazu übergegangen sind, banalste ökonomische Grundlagen zu bezweifeln, wie den seit 2010 andauernden Niedergang der Fotowirtschaft, nur um ahnungslose Kunden bewusst zu täuschen.

Ein Inhaltsverzeichnis mit direkten Sprungmarken und Überblick über alle bei photokina behandelten Themenbereiche finden Sie als Pop-Up.

Rückblick auf die photokina 2018

Troll: Als seriöser Wissenschaftler [damit bin ich gemeint] gehe ich davon aus, dass Sie auf der photokina weilen...

Troll: ... und die Größen der Firmen (Canon/Nikon/Panasonic, usw.) mit Ihren Prognosen zu den jeweiligen Systemen und mit Ihrer Fotoindustrie"Weltuntergangsweisheiten" konfrontieren.

Jährlich verschiffte Kameras

Jährlich verschiffte Kameras 1976-2017 (laut CIPA, Zahlen bis 2017).

Die Prognose für 2018 liegt bei niederschmetternden 20 Mio. Kameras. Das ist die rote Linie.

Zur Klarstellung: Heute decken die japanischen Kamera-Produzenten fast 100% der Weltmarktproduktion ab. Früher war dies jedoch anders. Zumindest bis 1989 lag die Weltproduktion viel höher, als diese japanische Kurve angibt, da Westeuropa, die USA und vor allem der gesamte Ostblock in dieser Kurve nicht erfasst wurden.

  1. Wer Wirtschaftsanalysen der weltweit tätigen Investmentbanker und Ratingagenturen anzweifelt, welche spätestens seit 2007 den Niedergang der klassischen Fotoindustrie voraussagen und von den Firmen drastische Korrekturen fordern, wird seine privaten (ökonomischen) Motive haben.
    Fakt ist und bleibt, dass selbst die CIPA - die Dachorganisation der japanischen Fotowirtschaft - seit 2010 ständig dramatisch sinkende Verkaufszahlen meldet. Das Jahr 2018 wird sich gemäß deren eigenen Statistiken bezüglich der Produktion als das schlechteste Jahr seit den 1970er herausstellen. Siehe: Foto-Wirtschaft. - Wie existenzbedrohend die Krise ist, zeigt sich u.a. daran, dass die meisten Firmen nun die Flucht nach oben zu Vollformat angetreten haben. Nur noch dort lassen sich große Gewinnspannen erzielen. (Siehe Sensor-Sterben und Spiegellose Vollformat-Kameras.)
Klassische Logistische Funktion - Produktlebenszyklen

Der Verlauf der Absatzzahlen der Kamerahersteller entspricht der Kurve der klassischen Lebenszyklusmodelle / Produktlebenszyklen.

Klassische Logistische Funktion - Sättigungskurve

So sieht die immer wieder damit verwechselte klassische logistische Funktion - Sättigungskurve aus. - Allerdings entspricht jener Verlauf den Absatzzahlen der Smartphones, die mit 1,5 Milliarden Stück je Jahr derzeit einen hohen Sockel gefunden haben.

  1. Die Firmenoberen der Kamerahersteller sind kaum für Normalsterbliche zu sprechen. Selbst hochrangige Verlage bitte in Schriftform lange um einen Gesprächstermin. Wer zufällig auf der Messe einem Firmenleiter über den Weg läuft und es wagt, ihn anzureden wird von seiner Assistentin/seinem Assistenten höflich darauf hingewiesen, dass es jetzt unpassend ist. Wer diese Ansage in japanischem Englisch nicht verstehen sollte, erkennt zumindest, dass sich ein sportlicher Leibwächter zwischen einen und den Manager schiebt.
  2. Und ganz offensichtlich liegt ein Missverständnis vor: Die photokina ist eine perfekt inszenierte Show. Dort stellen sich die Firmen selbst nur in bestem Licht dar. Kritik ist heute unerwünscht - insbesondere in Deutschland. Da macht die Fotoindustrie keine Ausnahme. Es handelt sich auf einer Messe um einen Monolog - kein Kundengespräch auf Augenhöhe. Kritische Fragen werden abgeblockt und das Gespräch dann in der Regel komplett abgebrochen.
  3. Selbst die Fachhändler werden - auf der besonderen photokina RETAILING UNLIMITED LOUNGE - nur mit optimistischen Prognosen der Hersteller geflutet. Hört man den sehr gut geschulten Vertriebsmenschen eine viertel Stunde zu, ist man davon überzeugt, dass die Branche jährlich um 30% wächst, statt abnimmt.
  4. Insgesamt muss man sich bei der Show auf der photokina immer wieder aktiv kritisch zurücknehmen, um von diesem von allen Beteiligten ständig produzierten geballten Optimismus nicht angesteckt zu werden - und dadurch wichtige Fakten zu übersehen.
  5. Selbstredend lesen Mitarbeiter aller Firmen meine Artikel, wie die Beiträge aller anderen Fotoberichterstatter im Internet. Dies konnte ich in den letzten Jahren an den Seitenabrufen aus den betreffenden Firmen erkennen. Aber selbst schriftliche Anfragen und Hinweise werden meist nicht beantwortet. Da geht es mir wie der Presse. Bestenfalls erhält man die Nachricht, dass die Anfrage an die zuständige Fachabteilung weitergeleitet wurde. Nur wer Glück hat, erhält dann noch einen negativen Bescheid von jener. - Machen Sie sich nichts vor: Der Einfluss der Kunden auf die Hersteller ist trotz aller moderner Kommunikationsmedien sehr gering. - Oder, wie sagte einer meiner Mitarbeiter einmal so treffend: Firmen ab 1.000 Mitarbeiter benötigen keine Kunden mehr. Die haben schon genug mit sich selbst zu tun. - Daran ändert auch keine Messe etwas. Die dortigen Firmenvertreter leiten Beschwerden i.d.R. nicht weiter. Sie sind dem Vertrieb und Marketing zugeordnet, nicht dem Support. - Ein weiterer Denkfehler vieler Messebesucher.
  6. Mir gelang es einmal, einen ranghohen Manager aus dem Marketing einer großen Firma abzufangen, der sich sogar mit mir unterhielt. Als er herausfand, wer ich bin, sagte er: Sie sind doch der, der seine Leser auffordert, selbst zu denken. - Ja, wo kommen wir denn hin, wenn die Kunden plötzlich selbst anfangen würden zu denken? - Exakt.
  7. Im Übrigen sage ich nicht den Weltuntergang voraus, sondern dass sich die Sparte der klassischen Systemkameras / klassischen Fotografie gemäß der Lebenszykluskurve aus der Wirtschaftswissenschaft auf dem Weg in die relativ unbedeutende Nische bewegt - wie die Hi-Fi-Industrie. Die stark diversifizierten Firmen - optische Konzerne wie Canon und Nikon sowie Elektronikkonzerne wie Sony und Panasonic - werden dies spielend überleben. Aber die Folgen für die klassischen Fotografen (mit ihren Standbildern) werden auf jeden Fall teuer werden. (Deshalb will man auch keine selbst denkenden Kunden.) Denn die Zukunft der Fotografie und der Kamerahersteller liegt schon lange bei Video in all seinen Formen.
  8. Und damit sind wir wieder bei der photokina, die davon massiv beeinflusst wird und auf die Strukturveränderungen auch reagiert. Deren Manager verstehen - im Gegensatz zu Trollen - auch etwas von Wirtschaftswissenschaft. Denn für Messeveranstalter stellt die Ausrichtung einer großen, investitionsintensiven Leitmesse ein beachtliches finanzielles Risiko dar.

Kurze Geschichte der photokina

Um zu verstehen, wo die photokina heute steht, und wie sie sich weiterentwickelt, muss man einen kurzen Blick auf die sehr bewegte Geschichte dieser Fotomesse werfen.

Historisches Fazit:

Die Geschichte der photokina ist in jeder Beziehung beeindruckend. Ihr gelang es über fast 7 Jahrzehnte, Wirtschaft mit Kultur sowie Geschäfte mit Kunst auf einer internationalen Ebene zu vereinen und so das Ansehen Deutschlands sowie der Fotografie in der Nachkriegszeit weltweit entscheidend anzuheben und mitzuprägen. Die photokina war zu einer Zeit bereits global und multikulturell, als es diese Begriffe noch nicht einmal gab. - Da der finanzielle Aufwand für mich jedoch zu groß ist, und sich sonst sowieso kein Mensch dafür interessiert, wird die faszinierende Geschichte der photokina wohl ungeschrieben bleiben, obwohl es zum 70-jährigen Jubiläum einen passenden Anlass gäbe, eine solche zu verfassen.

Aussteller

Blättert man den Katalog durch oder durchsucht man die Ausstellersuchmaschine, so ist man beeindruckt, ja geradezu überwältigt.

Analysiert man jedoch diese Daten sorgfältig, so findet sich Erstaunliches.

Aufgeblasene Zahlen

So manche Zahlen sind übertrieben, weil es sich um Mehrfachnennungen handelt. Dies will ich hier anhand der Liste der Aussteller 2018 belegen:

Rechnet man all diese Dinge ab, war die Messe im Bereich Fotografie noch übersichtlicher.

Fachfremde Aussteller

Dann finden sich zahlreiche Aussteller, die man auch mit viel gutem Willen kaum der Fotobranche zurechnen kann:

Aussteller im erweiterten Umfeld

Imaging und andere Fakten

Zur Klarstellung folgende Fakten:

Bevor sich wieder übersensible Kritiker wegen des Datenschutzes an mich wenden:

  1. Die DSGVO findet eine Ausnahme bei juristischen Personen (Firmen) deren Daten publiziert sind. Siehe Erwägungsgrund 14.
  2. Der Datenschutz findet zahlreiche Ausnahmen bei wissenschaftlichen Untersuchungen: BDSG § 27 Datenverarbeitung zu wissenschaftlichen oder historischen Forschungszwecken und zu statistischen Zwecken sowie § 28 Datenverarbeitung zu im öffentlichen Interesse liegenden Archivzwecken in Übereinstimmung mit DSGVO Artikel 5(1)b und e, 9(2)j, 14(5)b, 17(3)d, 85 Verarbeitung und Freiheit der Meinungsäußerung und Informationsfreiheit sowie Erwägungsgründe 50, 52, 53, 62, 65, 73, 153, 156, 158.
  3. Wer lesen kann, die DSGVO sowie das BDSG komplett liest und auch noch halbwegs versteht, ist klar im Vorteil.

Ergebnis in Kurzform: Die Auswertung dieser Daten zu diesen Zwecken ist zulässig.

Anzahl der Aussteller auf der photokina

Aussteller auf der photokina 1950 bis 2018. - Diese Kurve der Aussteller ähnelt fatal derjenigen der verkauften Kameras oben. D.h. es zeigt sich hier eine ökonomische Übereinstimmung zwischen dem Zustand der Fotowirtschaft und dem Auftreten der Aussteller auf der Foto-Messe. Vor allem ab dem Krisenjahr 2010 zeigt sich dies extrem. - Eigentlich ist das eine absolute Banalität. Aber im Zeitalter der alles abstreitenden Trolle ist es heute bereits erwähnenswert. - Die photokina kam dabei jedoch noch glimpflich davon: Während die Fotowirtschaft zwischen 2010 und 2018 auf 1/6 der Kameras abstürzte, sanken die Ausstellerzahlen nur ungefähr auf 1/3.

Quellenlage der Aussteller

Besucher

Anzahl der Besucher auf der photokina

Besucher auf der photokina 1950 bis 2017. Deutlich erkennt man den Einbruch 1974, als es eine geschlossene Fachmesse wurde, und die Steigerung 1988, als man die photokina wieder teilweise für Amateure öffnete.

Events

Die Titel der Messe / Themenwelten 2018 lauteten:

Es mag sein, dass dies für die Dummen heute erforderlich ist, oder dem Marketing zumindest erforderlich scheint. Auf die etwas Erfahreneren wirkt so etwas übertrieben und befremdlich.

Strukturwandel

Überdies kämpfen alle Messen mit weiteren gravierenden Strukturproblemen:

Wandel 2018

Um es ganz vorsichtig auszudrücken, lief bei der photokina 2018 einiges nicht rund:

Wer ist für die Kamerahersteller wichtig? - Oder: Wie düpiert man die photokina, Deutschland und Europa?

Zukunft

Nachdem ich oben das Management der photokina zurecht so gelobt und in Schutz genommen habe, nun auch ein paar kritische Anmerkungen - ausgehend aus dem mir vorliegenden Datenmaterial.

Fazit

Somit wünsche ich allen - auch meinen (bezahlten) Trollen - viel Freude beim Fotografieren.

Quellen

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